{"id":2020,"date":"2021-01-07T15:11:05","date_gmt":"2021-01-07T14:11:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.diyseeds.org\/en\/?page_id=2020"},"modified":"2021-04-15T10:59:59","modified_gmt":"2021-04-15T08:59:59","slug":"plant-selection-in-the-industrial-age","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.diyseeds.org\/de\/plant-selection-in-the-industrial-age\/","title":{"rendered":"Pflanzenselektion im industriellen Zeitalter"},"content":{"rendered":"<h1>Pflanzenselektion im industriellen Zeitalter<\/h1>\r\n<p>Lebewesen reproduzieren und vermehren sich unentgeltlich.<br \/>Die Gesetze des Lebens widersprechen also den Gesetzen des Profits.<br \/>Jeder Organismus ist einzigartig.<br \/>\r\nIndustrielle Prozesse basieren aber auf Vereinheitlichung.<br \/>Leben verst\u00f6sst daher gegen die Logik des industriellen Kapitalismus.<\/p><p>Im industriellen Kapitalismus kommt den Agrarwissenschaften und den Spezialisten der Pflanzenselektion seit zwei Jahrhunderten die Aufgabe zu, diese zwei Hindernisse aus der Welt zu schaffen. Heute ist das Ziel fast erreicht: Die Patentierung von Leben stellt den H\u00f6hepunkt der Bem\u00fchungen dar, das, was Landwirtschaft ausmacht- n\u00e4mlich das geerntete Samenkorn wieder auszus\u00e4en &#8211; abzuschaffen. Es geht darum, die Produktion von der Reproduktion zu trennen. Die Reproduktion soll zum Privileg der Saatgutmultis werden, einem \u201eKartell der Lebenswissenschaften\u201c, das auch Pestizide, Herbizide, Insektizide, Larvizide, Ovozide, Gametozide, Bakterizide und zahlreichen anderen \u201eZide\u201c (Gifte) herstellt! Ein Blick auf die zu grossen, zu gr\u00fcnen Felder der Agroindustrie, in denen keine Pflanze die anderen \u00fcberragt, zeigt, dass das Ziel der Uniformit\u00e4t weitgehend erreicht ist.<\/p><p>Die Logik, die hinter der industriellen Selektion steckt, ist einfach: Man ersetzt eine Sorte, die sich durch Variabilit\u00e4t auszeichnet, durch eine homogene Sorte, bestehend aus Kopien oder Klonen einer Pflanze, die aus einer Variet\u00e4t isoliert wurde. \r\nDie Isolationstechnik wurde seit Anfang der industriellen Revolution empirisch praktiziert und im Jahre 1836 von John Le Couteur, einem englischen Landlord, als Z\u00fcchtungsmethode kodifiziert.<br \/>Bei selbstbefruchtenden Pflanzen, die ihre individuellen Merkmale bewahren (wie Weizen, Gerste, Soja, usw.), geht auf diese Weise \u201enur\u201c die Vielfalt verloren. Ein selbstbefruchtender Klon reproduziert sich identisch. Das geerntete Korn wird als Saatgut f\u00fcrs n\u00e4chste Jahr verwendet. Das sogenannte Landwirte-Privileg bleibt noch erhalten.<br \/>Bei jenen Pflanzen, die ihren Charakter nicht bewahren, muss Saatgut jedes Jahr neu gekauft werden. Somit wird auch die Unentgeltlichkeit abgeschafft. Dieses \u201eWunder\u201c hat die moderne Pflanzengenetik zum Beispiel mit dem Hybridmais, der \u201eheiligen Kuh\u201c der Agrarwissenschaft des 20. Jahrhunderts, vollbracht. Und das, obwohl Mais eine fremdbefruchtende, unglaublich fruchtbare Pflanze ist, die sich unendlich vermehren kann.<\/p><p>Ab 1920 m\u00fcssen kommerzielle Sorten \u201eUniformit\u00e4t\u201c und \u201eStabilit\u00e4t\u201c aufweisen. Uniformit\u00e4t bedeutet, dass die Pflanzen ph\u00e4notypisch (f\u00fcrs Auge) gleich sind. Stabilit\u00e4t heisst, dass Jahr um Jahr Pflanzen mit den gleichen Merkmalen zum Kauf angeboten werden. Somit m\u00fcssen die Pflanzen genetisch fast oder ganz identisch sein. Uniformit\u00e4t und Stabilit\u00e4t der Pflanzen werden von einer offiziellen Beh\u00f6rde \u00fcberpr\u00fcft. Entspricht eine neue Sorte ihren Kriterien, wird sie in den offiziellen Sortenkatalog aufgenommen und ihr Z\u00fcchter erh\u00e4lt ein Zertifikat (COV), das ihm das Recht erteilt, die Sorte zu vertreiben.1960 wird dieses Dispositiv von der UPOV, der internationalen Union zum Schutz der Pflanzensorten, \u00fcbernommen, der bisher mehr als 60 L\u00e4nder beigetreten sind.<\/p><p>Das COV-Zertifikat sch\u00fctzt den Z\u00fcchter vor unerlaubten Zugriffen von Konkurrenten. Das Landwirte-Privileg konnte bisher noch nicht abgeschafft werden, da der Widerstand der Bauern zu stark ist. Es l\u00e4sst dem Bauern die Freiheit, das Korn, das er geerntet hat, wieder auszus\u00e4en. Das Zertifikat ist auf die Bed\u00fcrfnisse von traditionellen Saatgutbetrieben zugeschnitten. Diese Betriebe wurden oft von Agronomen geleitet, die leidenschaftliche Pflanzenz\u00fcchter waren. Aber seit etwa 30 Jahren hat das \u201eKartell der Zide\u201c weltweit die Kontrolle \u00fcber das Saatgut \u00fcbernommen. F\u00fcr das Kartell ist der Bauer, der sein eigenes Korn auss\u00e4t, nun ein \u201ePirat\u201c. Patente auf Leben sind mit der europ\u00e4ischen Richtlinie 98\/44 im Begriff, diesem \u201ePiratentum\u201c ein Ende zu setzen.<\/p><p>Zusammenfassend zerst\u00f6rt die industrielle Pflanzenz\u00fcchtung mit der Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen die biologische Vielfalt, die seit Anfang der Domestizierung der Pflanzen und Tiere durch die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bauern und der Natur entstanden ist. Die Bauern haben nicht auf die Pflanzengenetik gewartet, um die Pflanzen zu \u201everbessern\u201c. Den Beweis daf\u00fcr liefert eine F\u00fclle von Pflanzensorten und Tierrassen.<\/p><p>Die Pflanzengenetik und die -z\u00fcchtung sind unterschiedliche T\u00e4tigkeiten. In den 1980er Jahren hatte ich das Gl\u00fcck, Claude Beno\u00eet, einen hervorragenden Z\u00fcchter von Weizensorten, bei seiner Arbeit auf dem Feld zu begleiten. Zuerst sahen f\u00fcr mich alle Pflanzen gleich aus. Am Ende des Tages begann ich, sie grob zu unterscheiden und die Selektionskriterien von Claude Beno\u00eet zu verstehen. Ich \u201ebegann\u201c, denn er konnte selbst nicht erkl\u00e4ren, was ihn veranlasste, eher die eine als die andere zwischen all den Pflanzen auszuw\u00e4hlen, die mir vollkommen gleich vorkamen. Denn Selektieren beruht auf einem nicht kodifizierten Wissen, welches gar nicht oder nur schwer vermittelt werden kann. Die sorgf\u00e4ltige Arbeit des Z\u00fcchters st\u00fctzt sich auf einen scharfen Beobachtungssinn und auf sein agronomisches Wissen. Sie baut auf seine Erfahrung und eine lange Vertrautheit und Empathie mit der Pflanze auf <a href=\"#1\">(1)<\/a>. Dazu braucht es keine Genetiker <a href=\"#2\">(2)<\/a>. Die Aura, welche die in den Labors praktizierte Pflanzengenetik umgibt, f\u00fchrt dazu, dass diejenigen, die gerne Pflanzen z\u00fcchten w\u00fcrden, entmutigt werden und aufgeben.<br \/>Es n\u00fctzt nichts, Krokodilstr\u00e4nen zu vergiessen \u00fcber den Verlust der biologischen Vielfalt der Kulturpflanzen, solange die ganze Dynamik des industriellen Kapitalismus darauf ausgerichtet ist und die gesetzlichen Verordnungen f\u00fcr die Produktion und den Verkauf von Saatgut eine einzige, zweihundert Jahre alte Selektionsmethode vorschreiben!<br \/>Lasst uns alles daransetzten, diese Verordnungen zu Fall zu bringen, die zur Industrialisierung der Landwirtschaft und somit zum Aussterben der Bauern f\u00fchren. Patente auf Leben m\u00fcssen abgeschafft und das \u201eKartell der Zide\u201c aus dem Leben verstossen werden!<br \/>Organisieren wir uns kollektiv, um die biologische Vielfalt der Kulturpflanzen zu erhalten, Samen auszutauschen und das dazugeh\u00f6rige praktische Wissen weiterzugeben, wie es Generationen von B\u00e4uerinnen und Bauern vor uns getan haben. Es geht weltweit um Widerstand, um den Kampf ums \u00dcberleben und f\u00fcr die Freiheit. Kokopelli war wegweisend. Longo ma\u00ef beschreibt Schritt f\u00fcr Schritt, wie wir uns unser Saatgut und damit unsere Zukunft wieder aneignen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"font-size: 10pt\"><b>Jean-Pierre Berlan, 10. Juli 2015<\/b><\/p><p id=\"1\">(1) Ein alter Pflanzenz\u00fcchter bei der INRA gestand mir, etwas verlegen, diese wunderbare Sache: \u201eWei\u00dft du, wenn ich alleine mit meinen Pflanzen bin, spreche ich mit ihnen\u201c.<\/p><p id=\"2\">(2) Aus diesem Grund hat das \u201eKartell der Zide\u201c die Saatgutunternehmen aufgekauft. Ihre Pflanzengenetiker manipulieren Gene und sind unf\u00e4hig, eine Selektionsarbeit zu machen.<\/p><p>Jean Pierre Berlan war Forschungsleiter beim INRA (staatliches Forschungsinstitut f\u00fcr Agronomie in Frankreich).<\/p>&nbsp;\r\n\r\n<div class=\"less\"><a href=\"https:\/\/diyseeds.org\/de\/home\"><div class=\"align-center\"><div class=\"minus\"><\/div><\/div><\/a><\/div>\r\n\r\n&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pflanzenselektion im industriellen Zeitalter Lebewesen reproduzieren und vermehren sich unentgeltlich.Die Gesetze des Lebens widersprechen also den Gesetzen des Profits.Jeder Organismus ist einzigartig. 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